Dorf

Der Alte Blume

Der alte Blume

Niemand hat ständig ein so umfangreiches Stück Heimaterde betreten, niemand so oft die breiten und engen, die glatten und holperigen Wege unserer Heimatdörfer und -felder begangen, niemand mit solcher Pflichtund Heimattreue die Gegend des wiesen- und waldreichen Flurenteppichs unseres Kreises durchwandert, niemand so viele Kinder der Heimat gekannt, gegrüßt und erfreut, wie der alte Blume während seiner vierunddreißig jährigen ununterbrochenen Amtstätigkeit als Landbriefträger, er, der Generationen heranwachsen und verschwinden gesehen hat, er, dessen Seele Männern, Weibern und Kindern in den letzten Jahren seines anstrengenden Dienstes ebenso nahe blieb und mit seinem urwüchsigen Humor beglückte, wie er deren Eltern und Großeltern getan.

Die soziale Bedeutung dieses schlichten Volksmannes lag darin, dass er Jahrzehnte hindurch für uns Dörfler geradezu der einzige Verbindungsmann mit der großen Welt war; denn es war zu einer Zeit, da noch kein Draht für telefonische und telegrafische Vermittlungen den Weg zum Dorf fand. Die Straßen, meist nur Landwege, durcheilte kein Fahrrad, durchsauste kein Töff-Töff. Post- und Ansichtskarten waren noch ungekannte Gedankenvermittlungsobjekte, das Briefschreiben war auf dem Dorf noch weniger Bedürfnis als jetzt, zumal es recht umständlich war, weil nur Briefumschläge mit eingedruckten Freimarken im Gebrauch waren, und diese konnte man nur bei Blume für einen Silbergroschen kaufen. Die einzige Hinterlegungsmöglichkeit für Briefe in unserem Kirchspiel war der große Briefkasten an der Mühle zu Overhagen, der nicht selten durch die schulwandernde Jugend mehr mit Steinen beschenkt war als mit Briefen. Blume fluchte wohl ein wenig, wenn er diesen Briefkasten entleerte; aber er grollte der Jugend nicht und beförderte die Steine unfrankiert in den nahen Mühlenbach.

Als Blume am 1. April 1864 in den Dienst als Landbriefträger trat, war Lippstadt das einzige Postamt für die Umgegend. Jeden Morgen rückte er um sieben Uhr mit seiner Tasche aus. Sein vorgeschriebener Weg war: Lippstadt, Cappel, Göttingen, Benninghausen, Alpe, Bahnhof Benninghausen, Üninghausen, Kaldeway, Finken, Herringhausen, Hellinghausen, Overhagen, Stirper Warte, Erwitter Warte, Lippstadt — ein Weg über dreizehn Orte mit der offiziell angegebenen Entfernung von 495 Minuten oder 8¼ Stunden. Als 1870 auf Bahnhof Benninghausen eine Postagentur eingerichtet wurde, änderte sich Blumes Dienstweg. Die Reise ging nun über Mentzelsfelde und Cappel nach Schulte Nomke, wo er über die Lippe setzte, nach Hellinghausen, Overhagen, Weckinghausen, Westernkotten vorbei nach Schwarzenraben, von da über Rixbeck und Dedinghausen nach Lippstadt zurück. Pfarrer Fleige aus Hellinghausen schreibt über Blume aus Anlass seiner Pensionierung im Jahre 1898 im „Patriot": „Die vielen Schritte, die er täglich auf den damals schlechten und einsamen Wegen zu machen hatte, werden sicher, aneinander gereiht, eine stattliche Anzahl von Meilen ergeben. Dabei stets pünktlich und zuverlässig, verlor er nie den Humor, sei es, dass die glühende Mittagssonne ihm die Schweißtropfen auspresste oder Sturm und Regen ihn umtosten oder er durch den tiefen Schnee erst den Weg zu den Dörfern bahnen musste."

In der Zeit also, aus der ich erzähle, kam Blume jeden Morgen zur bestimmten Stunde um die Turmecke in Hellinghausen mit seinem runden, bartlosen Gesicht, das die Sonnenglut gelb gebrannt und die Winterkälte stark gerötet hatte, dieses liebe, alte Gesicht, aus dem die freundlichen, aber schelmisch dreinschauenden Augen hervorlugten. Über seiner Schulter türmten sich an dem dicken, gelben Stocke eine Anzahl Pakete. Im Sonnenlichte blitzte die Reihe Knöpfe an der vorschriftsmäßig geschlossenen postalischen Uniform — denn es war weder gestattet, den Oberkörper zur Zeit der Sommerhitze in die leichtere Litewka zu kleiden, noch auch beim Regenwetter das teure Haupt mit dem Schirme zu schützen; ja, man hätte ihm, ähnlich wie anderen Königlichen Beamten, gewiss noch einen Degen an die Linke gehängt, Wenn sich der starke Knüppel für seine Dienstausrüstung als nicht Unentbehrlich erwiesen hätte.

Bei „Nomken Jüstken" lag um neun Uhr das Frühstücksbutterbrot für Blume fertig. Ein „Schäölken" Kaffee stand ihm auch zu Gebote; er musste es sich nur selbst eingießen. Wenn er sich dann im unbewachten Augenblicke den Kaffee aus Jüstkens kleiner Kanne stahl, statt aus dem großen „Hakenpott", weil ein „Bäuneken" drin war, so zeterte wohl die alte Jungfer. Sie begleitete ihn aber trotzdem an den Strand der Lippe hinunter, um ihn ans jenseitige Ufer zu befördern. Die erste Verbesserung, die die hohe Postbehörde in den Jahren des wirtschaftlichen Aufschwunges uns verkehrsarmen Dorfbewohnern zuteil werden ließ, bestand darin, dass der alte Blume mit einer Trillerpfeife ausgerüstet wurde, damit ihre grelle Stimme zu allen dringe, die im Hause waren. „Ick sinn niu en Rattenfänger wuoren", erklärte Blume. Und wahrlich, wir Jungen gaben ihm öfters gern unser Geleit durchs Dorf, damit wir die Trillerpfeife blasen konnten.

Dieses Posthorn war übrigens für Blume ein überflüssiges Möbel; denn einmal kam er mit uhrenmäßiger Pünktlichkeit, und zum andern sorgten die vielen Dorfhunde mit ihrem lauten Gekläff dafür, dass der getreue Stephansbote gemeldet wurde. Denn so wohlgelitten und willkommen der alte Blume den Leuten war, so nervenerregend wirkte er auf die Hunde durch den gelben Knüppel, der, wenn er nicht zur Beförderung der Pakete auf Blumes rechter Schulter im Dienst war, von seinem taktmäßigen Unterstützungsdienste jäh abweichend, einem dreisten Hunde zum Verhängnis wurde.

Es war bei Trosts Grummetverkauf. Hunderte von Menschen umstanden den Tisch des Rentmeisters Goecke. In fast regelmäßigen Abständen hörte man nach dem letzten Meistgebot des Försters Stimme: „Zum Ersten — Zweiten und — Dritten!" Auffällig wenig wurde plötzlich auf eine Parzelle geboten. Kein Aufgebot!

„Wer hat denn dies geboten?" hörte man die feine Stimme des Rentmeisters, „Bietet denn keiner mehr?"

„Herr Rentmeister! Et geiht muiner Siege wie mi sölwers, dat billigste frett se am laiwesten."

Es war Blumes Stimme. Und Blume bot keiner auf. Mit zunehmendem Alter wich Blume nach der linken Seite hin stark aus dem Lot. Auf der täglich langen Dienstreise werden gewiss der gepackte Holster und die schweren Pakete auf der rechten Schulter den Oberkörper in ein stumpfwinkliges Verhältnis zum Unterkörper genötigt haben. Da aber die Peripherie seines langen Weges für ihn eine linkslaufende Kurve bedeutete, so mag auch das Gesetz der Zentripetalkraft mitgewirkt haben.

Wenige Jahre vor seiner Pensionierung wurde die Postagentur in Overhagen errichtet. Blume hatte nun sämtliche für diesen Agenturbezirk zu befördernden Pakete — auch die über fünf Kilogramm schweren, die sonst gewöhnlich vom Postamt in Lippstadt abgeholt werden mussten, — in einem zweirädrigen Postkarren nach Overhagen zu befördern und Overhagen, Herringhausen und Hellinghausen von

der Agentur aus zu bestellen. Mit dieser Dienständerung ging dem Alten ein großes Stück Poesie verloren; denn nun konnte er nicht mehr die alten, liebgewordenen Wege wandern, und es war ihm ein großer Teil des zur Gewohnheit gewordenen Verkehrs mit lieben, alten Bekannten verlorengegangen. Dass auch der alte, auf Paketschlepperei eingestellte, gebeugte Körper sich innerlich gegen den Dienst eines zweibeinigen Postkarrengaules aufbäumte, ist wohl zu verstehen.

Zum 1. Mai 1898 wurde er auf seinen Antrag hin in den Ruhestand versetzt. Ein sonniger, wohlverdienter Lebensabend sollte ihm, dem trotz langjähriger Strapazen noch rüstigen Manne, im Kreise seiner Lieben noch einige Jahre beschieden sein.

Am 1. des Christmonats 1901 war es. Unser alter Freund kam aus seinem Garten am Südertor gegen fünf Uhr abends wieder heim und passierte den Bahnübergang bei Holtermann, dessen Schranken geöffnet standen. Das erste Geleise hatte er eben überschritten, als er aus westlicher Richtung das Tosen eines heranbrausenden Schnellzuges gewahrte. Noch zwei Schritte, und es wäre zur Katastrophe gekommen. Zurückschreckend und zur Seite blickend, hat er die Köpfe zweier Pferde unmittelbar neben sich. Auch diese wollten mit dem Gefährt den Übergang passieren.

Mit einer von dem alten Manne nicht zu erwartenden Entschlossenheit reißt er die Pferde zurück, und schon saust der Schnellzug unmittelbar vor ihren Köpfen vorüber. Leichenbleich verlässt er die verhängnisvolle Stätte, mit zitterndem Körper und schwankenden Knien kommt er nach Hause zurück. Noch in derselben Stunde muss er sich ins Bett legen; der letzte Gang war gemacht. Als man in ihn dringt, das Dienstpersonal der Eisenbahn zur Verantwortung ziehen zu lassen, gibt er zur Antwort: „Davon habe ich nichts, und ich habe in meinem Leben noch niemand unglücklich gemacht." Durch dieses Wort hat er in Wahrheit den Wert seines im treuen Dienste der Menschheit zugebrachten Lebens besiegelt. Er starb im siebzigsten Lebensjahre. Die zahlreiche Beteiligung von Dorfbewohnern bei seinem Begräbnisse wollte der Welt den Beweis der Teilnahme an dem Hinscheiden dieses vortrefflichen Mannes geben.

Wenn ich auf der schwarzen Tafel des Grabes an der nordöstlichen Ecke des alten Friedhofteiles Lippstadts die Worte lese:

Postbote Wilhelm Blume
geb. 29. Okt. 1832
gest. 6. Dez. 1901

So möchte ich Theodor Fontanes Worte hinzumeißeln:

„Der ist in tiefster Seele treu, Der die Heimat so liebt wie du."

Gerhard Hoischen


Quelle: Beiträge zur Heimatkunde des Kreises Lippstadt und seiner näheren Umgebung,
Heft 3, 1951 - herausgegeben vom Schulrat Ernst, Lippstadt

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