Schuetzen

Der alte Oberst von Friedhardtskirchen

Gerhard Hoischen:

Der alte Oberst von Friedhardtskirchen

Es ist ein köstlich Ding um den ur- und naturwüchsigen Humor: Sonnenkinder sind es vor Gott und den Menschen, die damit beglückt sind. Es ist, als wenn dieser frisch sprudelnde Born im erzeugenden Herzen zu wenig Platz fände und sich hinausdrängte, um auch andere an der schalkigen Freude teilnehmen zu lassen. Freude bringt der echte Humor; denn weil er aus einem guten Herzen kommt, verletzt er nicht, und weil er einem wahren Herzen entspringt, so heuchelt er nicht.

Mit diesen wenigen einleitenden Gedanken möchte ich das Bild jenes Mannes umrahmen, der als langjähriger Oberst des Friedhardtskirchener Schützenvereins weit über die Grenzen des Kirchspiels bekannt war: Franz Kremer aus Herringhausen. Er vereinigte jene Eigenschaften in sich, die einem jeden Dorfoberst eigen sein müssten, nämlich militärischen Ordnungssinn und Vorliebe für paradische Aufmachung, dazu strategische Veranlagung und eine reichliche Portion echten, guten Humors.

Ein Silberkranz schmückte statt des rotweißen Schützenbandes den Obersthut; denn Kremer hatte schon um die Jahrhundertwende sein silbernes Oberstjubiläum gefeiert. Er trug den Kranz ebenso stolz und selbstbewusst wie den geschenkten silbernen Ehrendegen. Auf seiner Brust blitzten die Militär-Ehrenzeichen, die er als Mitkämpfer von 1866 und 1870/71 trug. In der Schlacht bei Königgrätz hatte eine feindliche Kugel Schloss und Hahn von seiner Knarre weggefegt. Den Oberstrock zierte weniger der rote Kragen, als die echte silberne Offizierstresse mit Epaulette, Silberschärpe und Bandelier. Das alles hatte er von Baron Wilhelm von Schorlemer geerbt, der als Offizier des Garde-Augusta-Regiments der Welt Lebewohl gesagt hatte und ein schlichter Ordensmann geworden war. Die beiden roten Offiziersstreifen längs der beiden Hosenpfeifen vollendeten dann die prunk- und phantasievolle Uniform unseres Oberst.

In den 363 Jahrestagen seines Zivillebens war Meister Kremer der edlen Zunft der Schreiner zugehörig, und dank seiner Tüchtigkeit, Emsigkeit, Rechtschaffenheit und seines heiteren, ja schalkigen Wesens der Haus- und Hofschreiner in jeder Familie des Kirchspiels geworden. Alle hatten ihn gern, die jungen Mädchen nicht am wenigsten. Wie stolz ging er mit der ihm so wohlanstehenden blauen Meisterschürze hinter dem Brautwagen her, auf dem die neuen Möbel blitzten, die seine sorgliche Arbeit geliefert hatte. Ja, er konnte mit Recht stolz sein; denn aus der Hand eines solchen auf Handwerkerstolz und solide Arbeit eingestellten Charakters ging kein Pfuscherprodukt hervor. "Meine Sachen haben nur einen Fehler", meinte er, "sie halten zu lange." Mit derselben Sorgfalt folgte er dem Toten auf des Lebens letztem Gange, wenn er ihm das dunkle Ruhebettchen gezimmert hatte, und seine Sorge ruhte erst, wenn der Sarg wohlgebettet in der feuchten Gruft stand.

Was er war, das wollte er ganz sein, so innerlich und bieder und fromm. Sei es, dass er vor der Einsargung des Toten erst andächtig zum lauten Gebet niederkniete, sei es, dass er zu Weihnachten in der Pfarrkirche die Christbäume aufpflanzte und die Richtung der Kerzen mit dem Lot abmaß, sei es, dass er am Schützensonntag an der Spitze seiner Truppen während der Schützenmesse gläubig sein Knie bog: er war immer ein ganzer Mann. Das war er auch in den zwei Jahrestagen seines "Milifärverhältnisses". So selbstverständlich es war, dass zur Zeit seines Zivillebens ihn jung und alt als "Mester Kremer" titulierte, in den beiden Tagen seines Oberstdienstes legte er Wert darauf, als "Herr Oberst" tituliert zu werden.

Einmal bin ich mit ihm in Widerstreit gekommen, und daran war im Grunde die Öberstwürde schuld. Vierzig Jahre und mehr sind es her, da stand im "Patriot" ein launiger Bericht aus Herringhausen, nach welchem ein seifenhändlerischer Schwindler von den Leuten Aufträge entgegengenommen hatte, ohne sie auszuführen. Der letzte Satz lautete etwa so: "Im Zeitraum von einer halben Stunde war das ganze Dorf eingeseift und mit ihm der Oberst von Friedhardtskirchen.

Das war dem Obersten zu viel, zumal es drei Wochen vor Schützenfest war. Mit der vollsten Oberzeugung seiner hohen militärisch-strategischen Bedeutung pflanzte er sich vor mir auf - denn es hatte keinen Zweck, dass ich die Urheberschaft dieses Artikels leugnete - und schrie mich an: "Wissen Sie nicht, dass sich das höchste Kommando niemals einseifen lässt; das gibt's nit!"

Was du bist, das wolle ganz sein. Oberst Kremer war es. Bis etwa zwei Wochen vor Schützenfest war er mit ganzer Seele der pflichtgetreue Vertretet seiner Zunft. Dann aber kam's über ihn wie die Lenzesstimmung beim Hänfling. Zur Parade gehörte eine schneidige Rede: er wusste sie zu halten. Es entsprach so ganz seinem Naturell, dass er die Ereignisse, welche die Laune des Schicksals im verflossenen Jahre dem Kirchspiel geboten hatte, in seine Paraderede einflocht. Wunderlich war es tu sehen, wenn er in diesen zwei Wochen seinen Papierbogen, der geheimnisvoll den Inhalt seiner Rede barg, auf die freie Seite seiner Hobelbank legte und unter dem zischenden Takte des Hobels buchstäblich im Schweiße seines Angesichtes seine Predigt einstudierte.

Die Feststimmung stieg, wenn er in den letzten Tagen vor dem Feste den Vogel zurechtzimmerte, Krone und Zepter einfügte und alles in drei Farben abtönte. Als ich ihn einst bei dieser hehren Festvorbereitung überraschte und die Bemerkung entschlüpfen ließ: "Augenblicklich hat der Friedhardtskirchener Oberst den größten Vogel", fand er die Majestätsbeleidigung so groß, dass er mich gleich zum Freunde Klemens Huneke (Gastwirt) abführte, um mir Arrest und Kriegskosten zu diktieren.

War der Festtag endlich angebrochen, dann kannte man ihn als Mann der dörflichen Menge nicht wieder. Mit einer Haltung, mit einem Anstand und Schneid, um den ihn mancher Offizier hätte beneiden können, schritt er die Front seines Bataillons ab, während sein Auge jeden Schützen maß. Schneidig hielt er sich bei seiner Rede; kein Glied rührte sich, keine Faser im Antlitze zuckte, obgleich ihm der Schalk im Nacken saß.

Einst hatte wenige Tage vor dem Feste ein Sturm den Hahn des Turmes, in dessen Schatten die Kirchenparade stattfand, hinabgewütet. "Schützen", so lautete dieses Mal seine Rede, "bewegende Ereignisse haben sich jüngst in Friedhardtskirchen angesichts des herannahenden Schützenfestes zugetragen. Jahrelang hat es der Hahn auf dem Turm mit Zittern und Zagen wahrgenommen, wenn die Böller krachend unser Fest ankündigten, wenn die dicke Trommel ihm das Herz im Leibe beben machte, wenn er mit dem einen Auge, das er im Kopfe trägt, die vielen Bajonette und Gewehre bei der Parade um die Kirche zu sich aufblitzen sah. Und im Vorgefühl dieser Schrecken hat er in strategisch unwürdiger Weise den Rückzug angetreten und seine hervorragende Stellung aufgegeben. Das hat uns aber nicht hindern können, einen andern, bedeutungsvolleren Vogel auf hoher Stange aufzurichten, der nicht zittern und zagen wird, wenn am morgigen Vormittag die scharfen Kugeln unserer wackeren Schützen seine Heldenbrust durchbohren werden."

Zweiter Tag. - Kirchenparade: "Morgen Leute!" - "Morgen, Herr Oberst!" - "Habt gestern gute Ordnung gehalten und mir Freude gemacht. Darum will ich euch noch einen Tag dabei geben. Also morgen früh acht Uhr Bataillon bei der Gieseler antreten zum Portemonnaieauswaschen." Weites Gelächter - nur der Oberst bleibt ernst.

Fast 35 Jahre hat Oberst Kremer ununterbrochen sein Kommando geführt. Zur Zeit der Demobilisierung nach dem ersten Weltkrieg, im Herbst 1918, kam auch für unseren Heimathelden die Stunde der Lebensdemobilisierung. Eine Lungenentzündung raffte ihn in wenigen Tagen dahin. Als ich in den letzten Stunden seines Lebens an seinem Lager weilte, drückte er mir freundschaftlich mit einer Träne im Auge die Hand. Seine letzten Worte an mich waren: "Machen Sie es ein bisschen feierlich!"

Ja, wir konnten es feierlich machen, ganz im Sinne unseres Oberst. Es lag gerade ein Bataillon der heimkehrenden Krieger in unserem Kirchspiel, und es bedurfte nur einer Vorstellung bei dem Bataillonschef, um mit dem Schützenkorps die ganze Militärkapelle, sämtliche Offiziere und eine Abordnung Krieger für die Teilnahme an der Beerdigungsfeier zu gewinnen. Eine solche prunkvolle Beerdigung hat unsere Heimat selten gesehen.

Als der schlichte Sarg in die dunkle Gruft gesenkt wurde, da knatterten die Gewehre der Krieger, um dem toten Heimathelden den letzten Gruß zu entbieten.

Die Trommel schlägt; 's ist ewig schade,
Er hört's nicht mehr, der alte Held.
Er schläft zur himmlischen Parade
Auf heimatlichem Totenfeld.

In dieser Stunde hat die Heimaterde einen wackeren Mann aufgenommen, - und uns war er mehr.


Aus Erwitter Heimatnachrichten Nr. 3 - Januar 1982 - Beilage zum Mitteilungsblatt

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